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10/01/20

Fünf Jahre „Wir schaffen das“ – ein Rückblick mit dem Helferkreis Oberferrieden

Die Mitglieder des Helferkreises Oberferrieden: Ramsi Ali, Nici Bieber mit dem gemeinsamen Baby, Magda Kaul, Integrationslotsin Britta Janßen, Judith Mink, Dieter und Mechthild Murau (von links nach rechts); Foto: J. Murau

NÜRNBERGER LAND (lra) – Im Spätsommer 2015 äußerte Bundeskanzlerin Angela Merkel den historisch gewordenen Satz „Wir schaffen das“. Nach dem vermehrten Zustrom von Geflüchteten wollte Merkel die Bevölkerung motivieren, zusammenzuhalten und die Kräfte zu bündeln. Viele Menschen zeigten sich solidarisch, engagierten sich in der Flüchtlingshilfe und unterstützten, wo es ging. Einige derer, die damals mit anpackten, sind bis heute ehrenamtlich aktiv. Doch die damalige Migrationspolitik erzeugte nicht nur positive Resonanz. Die starke Polarisierung der Debatte zeigt sich bis heute: Noch immer ringt die EU um gemeinsame Positionen in der Flucht- und Migrationspolitik. Wie geht es jenen, die sich bis heute im Landkreis engagieren? Die Integrationslotsin des WinWin Freiwilligenzentrums hat den Helferkreis in Oberferrieden besucht, um mit ihm über die vergangenen fünf Jahre zu sprechen.

 

Angefangen hat in Burgthann-Oberferrieden alles mit einer Initiative des damaligen Pfarrers, der Menschen suchte, die sich bereit erklärten, sich als Sprachlehrer zu betätigen. Zu Hochzeiten engagierten sich im kleinen Ort am Rande der Oberpfalz zwanzig Leute. Fünf Jahre später ist die Gruppe deutlich kleiner geworden, nunmehr sechs Mitglieder bilden den aktiven Kern des Helferkreises. „Im Rückblick sind wir hemmungslos naiv an die Sache herangegangen“, gibt Dieter Murau zu. Nach dem ersten Treffen organisierten sich die Helfer/-innen in Teams, doch besonders zu Beginn gab es viel Frust. „Damals lebten hier noch hauptsächlich Kosovaren, die, nachdem sie den negativen Bescheid ihres Asylverfahrens bekamen, viele Probleme verursacht haben.“ Die Situation änderte sich, als 2015 viele Menschen aus dem Irak und aus Syrien in die Unterkunft einzogen. Ramsi Ali, der aus Syrien stammt, erinnert sich noch gut an den Tag seiner Ankunft: „Am 26. August 2015 bin ich nach Oberferrieden gekommen, nach einer halben Stunde sind Dieter, Judith und Mechthild auf mich zugegangen.“ Er ist sehr dankbar für die Hilfe, die er seitdem erfahren hat: „Ohne die Helfer hätten wir vieles nicht geschafft.“ Seine Schwester fand Zuflucht in Emden, seine Eltern in Baden-Württemberg. „Sie hatten es deutlich schwerer, weil es dort keinen Helferkreis gab.“

Die örtlichen Gegebenheiten in Oberferrieden sind für Neuzugezogene ohne Auto, Fahrrad und Kenntnisse der Infrastruktur schwer zu überwinden. Eigentlich handelt es sich um ein reines Wohngebiet, zum Rathausplatz der Gemeinde Burgthann ist man zu Fuß 45 Minuten unterwegs. „Ohne Ansprechpartner ist man da verloren“, sagt Nici Bieber.

Der Helferkreis bot einen Sprachkurs an, anfangs fünf bis sechs Mal die Woche. Etwas später erweiterte sich das Angebot durch einen „Café-Treff“ mit Spielen für Kinder. „Der soziale Kontakt war eine wichtige Motivation für viele und hat zudem geholfen, die Sprache zu üben“, meint Magda Kaul. Fahrräder und Bekleidung mussten ebenfalls schnell besorgt werden. „Es gab damals viel Unterstützung durch die Bevölkerung“, berichtet Murau.

Wichtig war es der Gruppe von Anfang an, dass die Geflüchteten Eigenverantwortung übernehmen: „Da muss man stur sein. Wir erwarten keine Dankbarkeit, aber Mithilfe.“

 

Zum Jahreswechsel änderten sich die Verhältnisse erneut, als das BAMF die Flüchtlingsanerkennungen versendete. „Unvorstellbar, was da auf uns zugekommen ist“, bilanziert Murau. Größtenteils wurden die notwendigen Fahrten zu Behörden vom Helferkreis gestemmt. Auch die Anmeldung von Kindergarten- und Schulkindern übernahmen die Helfer/-innen. Dolmetscher gab es fast keine. Die Behörden waren völlig überlastet, die Zusammenarbeit schwergängig. „Im Juni 2016 gab es dann den ‚Aufstand der Helfer‘. Alle waren frustriert“, erzählt Murau. In einer großen Sitzung versuchte Landrat Kroder, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen: „Herr Kroder hat klargemacht, dass ihm wichtig ist, dass es funktioniert.“

Es bildete sich ein Arbeitskreis, in dem Probleme thematisiert werden konnten. „Besonders Frau Stocker vom WinWin Freiwilligenzentrum und Frau Grammel, die ehemalige Abteilungsleiterin des Sozialamtes, haben im Landratsamt viel bewirkt und etwas zum Guten verändert“, erläutert Murau. „Sie haben geholfen, Verständnis dafür zu schaffen, wie es in Behörden zugeht.“ Feste Ansprechpartner wurden benannt, Seminare und Fortbildungen organisiert. „Das war ein großer Schritt“, sagt Judith Mink. Auch die Helferkreise im Landkreis vernetzten sich stärker untereinander. Gegen Ende des Jahres 2016 hätte sich so eine gewisse Routine eingeschliffen. „Beim Jobcenter und dem Ausländeramt hat sich auch viel getan seitdem, allerdings sind diese Stellen immer noch überbelastet.“

Für die Helfer war es ein Lernprozess; besonders die Gespräche untereinander hätten geholfen, die Situation zu meistern. „Rückblickend hätten sich viele Helfer früher Grenzen setzen sollen und fordernder sein müssen“, erklärt Bieber. „Wenn man keine roten Linien zieht, opfert man sich auf und kann mit Niederlagen nicht umgehen.“ Es sei ebenfalls wichtig, kulturelle Missverständnisse zur Sprache zu bringen. Zum Satz „Wir schaffen das“, sagt Murau lachend: „Wir waren oft geschafft.“ Ohne das Ehrenamt, so seine Bilanz, hätte die Integration nicht funktioniert. „Es gab natürlich solche und solche Flüchtlinge“, resümiert der Helferkreis, „allerdings war nur eine Minderheit problematisch.“ Die Gruppe blickt auf viele positive Erlebnisse zurück: Freundschaften seien entstanden, im Helferkreis und darüber hinaus. Außerdem hätte das Ehrenamt in der Flüchtlingshilfe den eigenen Horizont erweitert. „Davor habe ich mir über manche Sachen nie Gedanken gemacht, jetzt sehe ich vieles als nicht so selbstverständlich an“, sagt Bieber.

Viele von den Menschen, die 2015 nach Oberferrieden gekommen sind, haben inzwischen eine eigene Wohnung und leben ein geregeltes Leben. Der Syrer Ramsi Ali hat es ebenfalls geschafft, er arbeitet als Erzieher in einem Kindergarten, hat eine Familie gegründet und engagiert sich ehrenamtlich im Helferkreis.

 

Trotzdem gibt es noch immer viel zu tun: Die Geflüchteten, die nun vom Helferkreis unterstützt werden, haben ganz andere Biographien als diejenigen von 2015. Dementsprechend anders gestaltet sich die Tätigkeit, die gerade auch durch die Corona-Pandemie erschwert wird.

Auf die Frage, was sich der Helferkreis wünscht, um die Integration von Geflüchteten in Deutschland zu verbessern, fällt der Gruppe einiges ein: „Der Kontakt mit Behörden sollte auf Augenhöhe passieren und integrative Leistungen sollten im Asylprozess mehr Beachtung finden, beispielsweise, wenn sich jemand ehrenamtlich engagiert. Generell braucht Integration Platz und Privatsphäre, deshalb ist die Unterbringungssituation von Geflüchteten in Unterkünften absolut kontraproduktiv. Qualifizierte, flächendeckende Unterstützung durch hauptamtliche Stellen wie durch die Flüchtlings- und Integrationsberatung ist zudem ein wichtiger Punkt.“

 

Alles in allem habe er das Engagement immer als Bereicherung wahrgenommen, auch wenn manches frustrierend sei, fasst Murau zusammen. „Außerdem geht es dabei nicht nur um Nächstenliebe, sondern auch um staatsbürgerliches Eigeninteresse. Wir setzen uns für ein funktionierendes Miteinander ein, weil wir den Frieden im Ort wahren möchten. Darüber hinaus haben wir viel gelernt über andere Kulturen und können gegen uninformierte Pöbeleien argumentieren.“

 

 

 

 

 

 

gedruckt am  05.12.2020
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