30.03.2020
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Landkreis Nürnberger Land

11/11/19

Sexuelle Gewalt an Kindern: Netzwerk Kinderschutz im Nürnberger Land setzt auf Prävention

NÜRNBERGER LAND (LRA) – Das „Netzwerk Kinderschutz im Nürnberger Land“ befasste sich bei seinem jüngsten Treffen mit der Prävention sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Diplom-Soziologin Regine Derr, wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut in München, berichtete über den gegenwärtigen Forschungsstand, über Ursachen, nachhaltige Ansätze zur Prävention sowie über Schutzkonzepte in Institutionen. Moderiert wurde der Workshop von Gerlinde Prosch vom Amt für Familie und Jugend am Landratsamt und Gabriele Schippert-Brunner von der Erziehungs- und Jugendberatungsstelle.

 

Das Thema „sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ ist in den letzten Jahren in Deutschland – durch aktuelle Fälle und die intensive Medienberichterstattung – stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und hat zu verstärkten Maßnahmen der Sensibilisierung und Prävention geführt. Die Opfer leiden, oft leise und unerkannt, obwohl sie deutliche Hilfesignale aussenden, und sie werden das Erlebte häufig ihr ganzes Leben nicht mehr los. Genaue Angaben zur Häufigkeit sexueller Viktimisierung sind aufgrund von Unterschieden in der Erfassung und Messung kaum möglich. In einer von Regine Derr vorgestellten Studie gaben 6,2 Prozent aller Befragten an, bis zu einem Lebensalter von 16 Jahren mindestens einmal sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Dabei waren männliche Familienangehörige sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Opfern die größte Tätergruppe. Sexuelle Gewalt gegen Kinder ereignet sich überwiegend im sozialen Nahfeld, sexuelle Gewalt gegen Jugendliche vorwiegend im Kreis von gleichaltrigen Freunden, Mitschülern oder Bekannten. Im Durchschnitt haben erwachsene ebenso wie junge Täter mehr als ein Jahr vor dem ersten sexuellen Übergriff Kontakt zum betreffenden Kind. Mehrheitlich ist mindestens einem Elternteil bekannt, dass das Kind Zeit allein mit dem späteren Täter verbringt. Derr präsentierte ferner eine Untersuchung, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und körperlichen sowie emotionalen Vernachlässigungsformen herstellt. Sexuelle Gewalt trifft demnach überproportional häufig Kinder, deren Eltern in ihrer Aufsichtsfunktion und Rolle als Vertrauensperson durch finanzielle Nöte, Partnerschaftsgewalt, psychische Erkrankungen, Trennung oder Scheidung eingeschränkt sind. Überraschend für die Teilnehmer des Netzwerks war, dass auch Jungen häufiger Opfer sexueller Übergriffe sind und gar 15 Prozent von ihnen aussagten, dass der Täter weiblich sei. Dass auch Frauen zu solchen Taten fähig sind, ist in der Öffentlichkeit bislang kaum ein Thema. Dennoch – so die Referentin - gäbe es ermutigende Hinweise, dass sexuelle Gewalt möglicherweise rückläufig ist. So ging nach der Jugendsexualitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung der Anteil der Mädchen, die von erfahrener sexueller Gewalt berichteten, von 16 Prozent im Jahr 1998 auf 11 Prozent im Jahr 2014 zurück.

 

Gerlinde Prosch wird während ihrer beruflichen Tätigkeit im Jugendamt immer wieder mit Fällen sexueller Gewalt konfrontiert und gibt zu bedenken: „Aussagen werden vor Hilfeinstitutionen wie auch Strafverfolgungsbehörden aus Scham oder Druck innerhalb der Familie oftmals nicht aufrechterhalten“. Um eine fundierte und wissensbasierte Vorgehensweise in Fällen sexueller Gewalt zu gewährleisten, müssen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vom Jugendamt, wie auch die von Kindertageseinrichtungen und Schulen immer wieder gezielt geschult werden. Denn wer als Erzieher, Lehrer oder Sozialarbeiter auf einen möglichen sexuellen Missbrauch aufmerksam wird, braucht selbst oft Unterstützung.

 

Am Ende waren sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen vom „Netzwerk Kinderschutz“ einig, dass jede der anwesenden Berufsgruppen durch die umfassende wissenschaftliche Darstellung der Faktenlage noch stärker für das Thema sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen sensibilisiert wurde und dieses Wissen nun für eine verstärkte Aufklärungs- und Präventionsarbeit in die jeweiligen Fachstellen mitgenommen werden könne – kurzfristig für eine schnelle Beendigung und dem Schutz vor weiteren Gewalttaten, langfristig zur Verhinderung von sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen.

 

Alle Kinder haben das Recht auf Erziehung ohne Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch – um dies zu gewährleisten wurde das „Netzwerk Kinderschutz im Nürnberger Land“ gegründet. Der multiprofessionelle Arbeitskreis setzt sich aus Vertretern des Amtes für Familie und Jugend, des Familiengerichts und der Polizei sowie freien und kirchlichen sozialen Trägern zusammen. Das Netzwerk trifft sich zweimal jährlich, um über Fachthemen zu beraten, Anregungen zu geben sowie Standards weiterzuentwickeln und damit stetig an der Verbesserung des Kinderschutzes zu arbeiten. Das nächste Treffen am 6. Mai 2020 befasst sich mit dem Thema „Vernachlässigung“.

Gute Vernetzung ist wichtig: Referentin Regine Derr (Mitte) vom Deutschen Jugendinstitut in München mit Gerlinde Prosch (links) vom Amt für Familie und Jugend und Gabriele Schippert-Brunner (rechts) von der Erziehungs- und Jugendberatungsstelle; (Foto: Andrea Gramlich)