21.05.2019
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Landkreis Nürnberger Land

03/14/19

„Alles, was man gibt, kommt zurück“ – Abschluss des Modellprojekts „Teilhabe durch Engagement“ mit Ausstellung im Landratsamt

Alexander, Roland Goldhammer und Karar ; Foto: Iris Bitzigeio

NÜRNBERGER LAND (lra) – Am 12. März öffnete im Landratsamt die Foto-Ausstellung „Teilhabe durch Engagement“: Sie dokumentiert das gleichnamige Modellprojekt, das das Potenzial ehrenamtlicher Beschäftigung zur Integration von Geflüchteten auslotete. Zur Vernissage kamen Organisatoren, Vereine und Engagierte. Landrat Kroder zeigte sich stolz auf seinen Landkreis, einen von nur zehn Modellstandorten bundesweit.

 

„Ich liebe meine freiwillige Arbeit“, sagte Shafeka leise und nachdrücklich. Die schlanke Mittsechzigerin stammt aus Bagdad, Irak, und geht gleich drei Ehrenämtern nach. Unter anderem übernimmt sie die Kinderbetreuung im Café Kunterbunt. „Kinder sind wunderbare, unschuldige Kreaturen. Ich betrachte die Kinder im Café fast schon als meine Enkelkinder, die ich schon viele Jahre lang nicht sehen konnte.“ Ihr Sohn Aamer, der im Paul-Pfinzing-Gymnasium in Hersbruck in der Bibliothek arbeitet, fügt hinzu: „Die Deutschen haben uns so viel gegeben, als wir herkamen. Wir müssen etwas zurückgeben.“ Beide betrachten ihr Ehrenamt als Pflicht gegenüber einer Gesellschaft, der sie dankbar sind, als auch als Möglichkeit, Kontakte zur hiesigen Bevölkerung zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Aamer ist neugierig und hält mit Fragen nicht zurück, um die neue Kultur zu begreifen. Im Irak ist es beispielsweise unüblich, wegen einer Arbeitsstelle aus der unmittelbaren Reichweite der Großfamilie wegzuziehen – wer versorgt die Eltern, wenn die Kinder zwei Stunden entfernt wohnen? Er möchte ein Projekt starten, bei dem Nachbarn sich unterstützen, nachdem er viele ältere Menschen getroffen hat, die im Alltag eine helfende Hand gut gebrauchen könnten, und erkundigt sich, an welchem Wochentag sich die Deutschen am wenigsten von unangekündigtem Besuch gestört fühlen – am Samstag vielleicht?

 

Shafeka und Aamer wurden von Integrationslotsin Solveig Grunow vom WinWin Freiwilligenzentrum an ihre Ehrenämter vermittelt, während das Nürnberger Land von 2016 bis 2019 als einer von nur zehn Standorten bundesweit das Modellprojekt „Teilhabe durch Engagement“ durchführte. Das Projekt der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e. V. (bagfa) wurde durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert und der Landkreis bekam den Zuschlag aufgrund der Bewerbung von Kerstin Stocker vom WinWin Freiwilligenzentrum. „Teilhabe durch Engagement“ erprobte, wie gut sich Ehrenämter und freiwillige Engagements eignen, um Geflüchteten den Zugang zur einheimischen Gesellschaft zu erleichtern und ihnen Kultur und Sprache näherzubringen. Auch Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung sollten gefördert werden, um Vorurteile von beiden Seiten abzubauen. „Und es ist so, wenn man die Geflüchteten erstmal kennenlernt, dann sieht man, das sind Menschen wie du und ich, wie alle anderen auch“, sagt Roland Goldhammer, ehemaliger Bürgermeister von Neunkirchen. Während des ehrenamtlichen Engagements in der Kleiderkammer der dortigen Unterkunft – „Das ist ja meine Gemeinde, ich möchte, dass hier alles läuft“ – haben seine Frau und er Karar aus dem Irak kennengelernt. Der kontaktfreudige Grundschüler mit den knallroten Haaren, der empfiehlt, ihn „Karl“ zu nennen, falls man seinen Namen nicht aussprechen kann, kommt inzwischen aus dem Unterricht zum Mittagessen und bleibt manchmal sogar über Nacht. Er ist zu einem weiteren Enkel des Seniorenehepaars geworden. Goldhammer ist ein überzeugter Verfechter des Engagements für Flüchtlinge: „Alles, was man gibt, kommt zurück. Das macht so glücklich. Das ist den meisten gar nicht klar.“

 

Während des Projekts haben sich besonders zeitlich begrenzte Aktionen als tauglich für Flüchtlinge erwiesen, erklärt Solveig Grunow bei ihrer kurzen Ansprache zur Eröffnung der Vernissage. Anspruchsvolleres Engagement, beispielsweise in den Feuerwehren oder beim THW, komme erst infrage, wenn die Sprachkenntnisse fortgeschritten und die Geflüchteten selbstständig mobil sind. Über 450 Personen haben sich in den drei Projektjahren im Landkreis freiwillig betätigt. Landrat Armin Kroder ist stolz auf alle Menschen und Taten, die hinter dieser Zahl stehen: „Unser Landkreis hat die vielen Stimmungswechsel in Deutschland in Bezug auf Geflüchtete nicht mitgemacht. Wir kümmern uns um alle Menschen, die hier sind, egal, woher sie stammen. Die Türen unserer Vereine waren immer für alle offen, und ich bin wirklich stolz auf euch.“ Er bedankte sich herzlich bei allen Engagierten, Geflüchteten und Dienstleistenden in den Einrichtungen.

 

Die Ausstellung zeigt etwa 40 Fotografien von Susanne Weigert und Elaine Schmidt und enthält auch mehrere Schriftstücke, in denen Engagierte wie Aamer und Shafeka ihre Geschichten erzählen. Sie kann bis zum 21. Juni kostenlos zu den allgemeinen Öffnungszeiten des Landratsamtes im 1. Stock besichtigt werden.