01.04.2020
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Landkreis Nürnberger Land

12/19/19

Vortrag Seidenstraße: Chinas Plan trifft auf ein planloses Europa

Frank Richartz, Armin Kroder, Heimo Messer, Harald Leupold und Armin Siegert (v. l. n. r.). Foto: A. Götz

NÜRNBERGER LAND (lra) – Ist Chinas „Neue Seidenstraße“ eine Chance für den Mittelstand in Deutschland und im Landkreis? Das war die zentrale Frage einer Veranstaltung der in der Kreisentwicklung angesiedelten Wirtschaftsförderung Nürnberger Land. Der Tenor: Chinas Plan trifft auf ein planloses Europa.

 

Die Seidenstraße, mit der China gerade ein weltweites, geopolitisch bedeutsames Verkehrs- und Wirtschaftsnetz aufzubauen versucht, auch „One Belt, One Road“ oder „Belt and Road Initiative“ genannt, stellte Landrat Armin Kroder in den Mittelpunkt seiner Begrüßung. Im Rahmen des Vorhabens sollen Zugstrecken, Straßen und Häfen, Kraftwerke, Pipelines und Flughäfen entstehen – manche sind schon mitten im Bau. China will ein neues Handelsnetzwerk zwischen Asien, Afrika und Europa schaffen und verspricht den Ländern Investitionen und Entwicklung. Gleichzeitig möchte China seinen globalen Einfluss ausbauen und die internationale Ordnung stärker auf sich selbst zuschneiden. Kroder regte die Unternehmen an, sich mit dieser Thematik zu befassen. Leider habe Europa im Gegensatz zu China keinen eigenen Plan – umso mehr sei jedes Unternehmen aufgefordert, selbst tätig zu werden.

 

Harald Leupold, 15 Jahre Geschäftsführer des Hafens Nürnberg und seit seinem Ruhestand selbstständig als Berater tätig, nahm eine Einordnung Chinas und des Projekts Seidenstraße in das Weltgefüge vor. Chinas eindeutiges Ziel ist die Weltmarktführerschaft, und die Dimensionen und Wachstumsraten des Reichs der Mitte sind bemerkenswert. So entwickelt und baut man dort derzeit beispielsweise eine eigene Magnetschwebebahn, die 600 km/h schnell sein wird. Der Flughafen in Peking wurde in Rekordzeit fertiggestellt – und mit nur einem Monat Verzögerung. Die Seidenstraße sei nicht nur ein Verkehrsweg, erläuterte Leupold: Entlang der Routen entwickeln sich mehrere Korridore für bilaterale und multilaterale Entwicklungen in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. China will als Export-Weltmeister mit strategischen Wirtschaftskorridoren Transportwege sichern, Absatzmärkte für heimische Firmen öffnen und Rohstoffe erschließen. Auch geopolitische Interessen spielen eine Rolle: Die beteiligten Drittländer gehen ein hohes Verschuldungsrisiko mit wirtschaftlicher und politischer Abhängigkeit ein. Internationale Standards und Ausschreibungsprozesse werden nicht eingehalten, sodass in erster Linie chinesische Firmen profitieren. Die größten Chancen für deutsche Unternehmen sieht Leupold bei Projekten der industriellen Seidenstraße als Zulieferer von Technik und Industrieanlagen in Drittländern. Bestehende Beziehungen zu chinesischen Investoren können hier hilfreich sein. Die Seidenstraße sei keine Einbahnstraße mit einer „Sinosierung“ von Ost nach West, sondern sollte eine Brücke auch für die deutsche mittelständische Wirtschaft von West nach Ost in die dortigen Wachstumsmärkte sein.

 

Armin Siegert, Geschäftsbereichsleiter International bei der IHK Nürnberg für Mittelfranken, knüpfte an Leupolds Ausführungen an, indem er die Angebote der IHK zu diesem Thema erläuterte. Auch er plädiert dafür, die Entwicklungen in und um China zu nutzen. Nürnberg und seine angrenzenden Gebietskörperschaften pflegten schon lange gute und intensive Beziehungen nach China, die Regionalpartnerschaft zu Shenzhen, an der auch der Landkreis Nürnberger Land beteiligt ist, sei nur ein Beispiel. Über Vertretungen im Ausland, Messebeteiligungen und Unternehmerreisen bietet die IHK den heimischen Unternehmen ideale Kontaktmöglichkeiten und Türöffner.

 

Über seine persönlichen Erfahrungen in China berichtete Heimo Messer, Geschäftsführer der ERGE Elektrowärmetechnik Franz Messer GmbH aus Schnaittach. Er hat inzwischen verschiedene Firmen im Reich der Mitte gegründet, sogar in einem für ihn ganz neuen Geschäftsfeld: Mit „Franken Catering Restaurants Ltd.“ und einem Gastbetrieb namens „Goldener Stern“ hat er die Gastronomie für sich erfolgreich erschlossen, denn fränkische Wirtshauskultur, Bier aus dem Nürnberger Land und Bratwürste kommen auch in Fernost gut an. Anlass für seine Gründungen waren die Aktivitäten seiner Hauptkunden in China.

Die wichtigste Erkenntnis für ihn sei es gewesen, sich auf das Land, die Leute und die Kultur einzulassen, sagt Messer. Beispielsweise spielen Astrologen in China eine wichtige Rolle, sie nehmen sogar Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen. Auch Rituale beim Essen mit Geschäftspartnern sind entscheidend für den unternehmerischen Erfolg. Die enge Zusammenarbeit mit in Deutschland lebenden Chinesen und die Unterstützung der IHK bildeten die Grundlage für das Gelingen von Messers Geschäften im Reich der Mitte. Unterm Strich zieht der Firmengründer eine positive Bilanz über China als Wirtschaftsstandort: Beispielsweise sei die Produktpiraterie verschwunden – als nun chinesischen Unternehmer kopierten ihn die Chinesen nicht mehr.