20.09.2020
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Landkreis Nürnberger Land

09/09/20

Gleichstellungsbeauftragte: 10 Jahre Anja Wirkner

Landrat Armin Kroder und Anja Wirkner, die Gleichstellungsbeauftragte des Nürnberger Landes – vor zehn Jahren...
... und heute. Foto: R. List

NÜRNBERGER LAND (lra) – Anja Wirkner ist die Gleichstellungsbeauftragte des Nürnberger Landes. Diesen Sommer vollendet die Politikwissenschaftlerin ihr erstes Jahrzehnt in dieser Position. Ein Interview mit ihr und Landrat Kroder darüber, wie Maßnahmen zur Gleichstellung durch die Corona-Krise helfen, wo immer noch keine Fairness besteht und was man beiden Geschlechtern gern mit auf den Weg geben möchte.

 

Frau Wirkner, die klassische Frage gleich zu Beginn: Warum sind Sie Gleichstellungsbeauftragte geworden?

 

A. Wirkner: Dass beide Geschlechter die gleichen Chancen haben, ist ein fundamentaler Punkt der Gerechtigkeit, es ist ein Menschenrecht. Wir können nicht von einer gerechten Gesellschaft sprechen, wenn die Chancen nicht gleich verteilt sind – was zum Beispiel schon der Gender Pay Gap beweist, also die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen*. Der Grundsatz der Gleichberechtigung ist in unserem Grundgesetz enthalten. Artikel 3 Absatz 2 Grundgesetz lautet: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Und: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Dies und das Bayerische Gleichstellungsgesetz sind der juristische Unterbau und die gesetzliche Forderung nach Gleichstellungsarbeit.

 

Wie genau setzen Sie diese Anforderungen um? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

 

Man kann meine Aufgaben gut in interne und externe Gleichstellungsarbeit gliedern. Intern, also im Landratsamt, sind das oft Personalentwicklungsmaßnahmen. Alle fünf Jahre stellen wir das Gleichstellungskonzept auf, eine Analyse der bestehenden Situation und Maßnahmen zu ihrer Verbesserung, zum Beispiel zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist die Grundlage meiner internen Arbeit. Ich vergleiche das ganz gerne mit einer internen Unternehmensberatung. Externe Gleichstellungsarbeit ist die Zusammenarbeit mit Verbänden und Beratungsstellen, außerdem Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsorganisation. Bei beidem geht es darum, zu beobachten, um Handlungsbedarf zu erkennen, Ideen zu entwickeln und umzusetzen und zu networken, also Synergien zu schaffen zwischen den verschiedensten Stellen mit dem gleichen Ziel.

 

Herr Kroder, was hat Frau Wirkner in diesen Bereichen im Landratsamt bewegt?

 

LR Kroder: Gleichstellungsarbeit bringt sich sehr hilfreich in ein System wie ein Landratsamt ein. Frei nach dem Motto „besser wissen – besser machen“ haben wir als Behörden eine Vorbildfunktion. Frau Wirkner hat sich schon vor langer Zeit fürs Homeoffice stark gemacht, als Maßnahme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dass wir deswegen schon vor Jahren entsprechende Strukturen geschaffen haben, hilft uns jetzt während der Corona-Krise enorm weiter.

 

A. Wirkner: Ja, die Förderung von Homeoffice und Telearbeit zähle ich auf jeden Fall zu meinen Erfolgen. Das war eine wichtige Maßnahme aus dem letzten Gleichstellungskonzept. Wir sehen ja jetzt durch die Corona-bedingten Teilschließungen von Schulen und Kitas, wie Familienfreundlichkeit für Unternehmen zum knallharten Wirtschaftsfaktor wird. Unser nächster Schritt wird sein, unsere Mitarbeitenden und Führungskräfte im Umgang mit dem Homeoffice zu schulen – Stichworte Selbstmanagement, Abgrenzung von Privatem und Arbeit, Führen auf Distanz.

 

Frau Wirkner, Gleichstellungsarbeit bedeutet, eine Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern herzustellen. Die meisten Maßnahmen scheinen aber auf Frauenförderung abzuzielen. Was sagen Sie Männern, die das unfair finden?

 

Denen empfehle ich, den ersten und zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung zu lesen – da steht drin, in wie vielen Bereichen noch Handlungsbedarf besteht. Dort ist zum Beispiel zu lesen, dass die Person, die die Hauptverantwortung für die Sorgearbeit trägt, das heißt, die Erziehung, Pflege, Hausarbeit übernimmt, verminderte Aufstiegschancen, reduziertes Einkommen und eine geringe Rente hat. Und die Personen, die das übernehmen, sind nach wie vor ganz überwiegend die Frauen, die somit von den genannten Nachteilen betroffen sind. Wir sind weit von einer repräsentativen Anzahl von Frauen in Führungspositionen oder in der Politik entfernt – und und und. Der dritte Gleichstellungsbericht wird Ende 2020, Anfang 2021 veröffentlicht. Außerdem ist der Eindruck, Gleichstellungsbeauftragte setzten sich nicht für Männer ein, grundfalsch. Wir versuchen – um beim Beruflichen zu bleiben – auch für sie Familie und Beruf leichter vereinbar zu machen. Und wenn ein Mann die Hauptverantwortung für die Sorgearbeit übernimmt, kann er von den Nachteilen genauso betroffen sein.

 

Frau Wirkner, Landrat Kroder – was macht Sie am Umgang von Männern und Frauen miteinander wütend?

 

LR Kroder: Der schon angesprochene Gender Pay Gap, dass Frauen zum Teil für die exakt gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden. Diese Lohnlücke ergibt besteht sowohl innerhalb ein und derselben Branche als auch, natürlich, zwischen den einzelnen Branchen. In manchen Berufsfeldern, beispielsweise im öffentlichen Dienst, ist der Unterschied bei der Bezahlung beider Geschlechter nicht so groß, aber es gibt kaum einen Wirtschaftszweig, in dem Frauen durchschnittlich mehr verdienen würden als Männer. Der Gap ergibt sich auch aus unterschiedlichen Erwerbsbiografien, sprich daraus, dass Frauen oft mehr Teilzeit arbeiten und nicht zuletzt deswegen oft nicht in höhere Positionen aufsteigen. Meistens ist der Hintergrund, dass die Frau sich zuhause um Kinder oder Angehörige kümmert – sie arbeitet also nicht weniger, im Gegenteil.

 

A. Wirkner: Genau, und diese Lohnlücke führt später auch noch zu schlechteren Renten, Altersarmut ist weiblich. Hinzu kommt die geringe Anerkennung vieler Berufe, die hauptsächlich von Frauen ausgeführt werden. Aber wo wären wir denn ohne Erzieherinnen oder Altenpflegerinnen? Es braucht endlich eine Aufwertung, auch finanziell, für die Berufe am und mit Menschen.

 

Was würden Sie beiden Geschlechtern raten, um solche ungerechten Verhältnisse zu verbessern?

 

A. Wirkner: Frauen sollten bei ihren Gehältern härter verhandeln und von ihren Partnern einfordern, sich genauso sehr wie sie selbst für die Familie einzubringen, sei es im Haushalt oder auch mit Teilzeitarbeit. Klar bedeutet das für die Männer, die Karriere hintenanzustellen, ein altes Rollenbild zu durchbrechen oder einen Teil der Macht als Besserverdienender abzugeben. Aber es kann für sie auch eine Entlastung darstellen, weg von den Rollenanforderungen zu kommen und eine ganz tolle Chance auf mehr Zeit mit ihren Kindern sein. Die Männer müssen hier ebenfalls sensibler werden und mithelfen, die Probleme anzugehen. Außerdem sollten Frauen solidarischer mit anderen Frauen umgehen, besonders im Berufsleben. Sie sollten sich vernetzen und gegenseitig fördern, statt zu befürchten, dass die andere ihnen irgendwie das Wasser abgraben könnte.

LR Kroder: Mit Respekt füreinander, Fleiß und Selbstreflektion kommen beide am weitesten.

 

Herr Landrat, Frau Gleichstellungsbeauftragte, stellen Sie sich vor, Sie würden einen Tag lang die Rollen tauschen – was würden Sie angehen?

 

LR Kroder: Ich würde weiter versuchen, Frauen für Führungspositionen zu begeistern. Gut durchmischte Teams, sei es auf der Führungsebene oder auf allen anderen, kommen auf bessere Ideen, weil sie Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven heraus angehen.

 

A. Wirkner: Damit der Auftrag aus dem Grundgesetz umgesetzt werden kann, dass der Staat die Durchsetzung von Gleichberechtigung fördert und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinwirkt, braucht es die Stärkung des Bayerischen Gleichstellungsgesetzes. Da sind andere Landesgleichstellungsgesetze oder das Bundesgleichstellungsgesetz deutlich weiter. Daher würde ich mich für die Novellierung, also eine Überarbeitung, des Bayerischen Gleichstellungsgesetzes einsetzen, damit die Gleichstellungsstellen mehr Befugnisse bekommen und beispielsweise auch Sanktionen erteilen können, wenn jemand den Grundsätzen stark zuwiderhandelt. Ich würde versuchen, auf politischer Ebene den Stein ins Rollen zu bringen und meine Amtskolleg*innen dafür zu gewinnen. Auch wenn die Überarbeitung des Gesetzes Landespolitik ist, gibt es auf den kommunalen Ebenen viele Handlungsspielräume, was zum Beispiel die Einbindung oder Ausstattung der Gleichstellungsstellen betrifft. Meine Message wäre: Nutzt die Ressource und das Fachwissen der Gleichstellungsbeauftragten!

 

Gleichstellungsarbeit ist ein vergleichsweise junges Phänomen – der Kampf um Gleichberechtigung dauert schon mehr als ein Jahrhundert an. Welche Persönlichkeiten haben Sie beeindruckt?

 

LR Kroder: Die "Mütter des Grundgesetzes", Helene Weber, Elisabeth Selbert, Frieda Nadig und Helene Wessel. Im Parlamentarischen Rat, der 1948 das Grundgesetz verfasste, waren nur vier Frauen! Diesen Vieren verdankt Deutschland den Gleichberechtigungsartikel. Tatsächlich hat Frau Wirkner eine sehr unterhaltsame Ausstellungseröffnung dazu organisiert.

 

A. Wirkner: Das waren und sind meine Großmutter, eine starke Frau mit großem Herzen, und natürlich meine Mutter, die sich auch schon immer für die Emanzipation eingesetzt hat und ihren Werten und Idealen treu geblieben ist. Von ihr habe ich meinen Gerechtigkeitssinn für die Gleichstellung, quasi mit der Muttermilch aufgesogen.

 

Das Interview führte Iris Bitzigeio.

 

* Der Gender Pay Gap, zu deutsch Lohnlücke, ist die durchschnittliche Differenz zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst der Frauen zum durchschnittlichen Bruttostundenverdienst der Männer. 2018 lag der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen um 21 % niedriger als der der Männer.